Arutam (Ecuador)
Anna Meiser
Philipp Kauppert
Christian Schaniel

Venecia (Ecuador)
Friederike Mieth

Kochbananen, Schmetterlinge und Schrumpfköpfe
Zu Gast im Urwald von Arutam (Ecuador)

von Anna Meiser

Es dämmerte schon, als der Bus endlich auf der staubigen Schotterpiste hielt, die sich durch das undurchdringlich scheinende Grün rechts und links einen Weg bahnte. Um fünf Uhr morgens war ich in den Anden aufgebrochen, auf herrlichen Schlammpisten 1700 m in die Tiefe, in den "Oriente" (den ecuadorianischen Teil des Amazonasbeckens) durch eine atemberaubende Landschaft hinuntergerollt (wobei auf den steilen Abhängen zur linken Hand einige Buswracks nicht zu übersehen waren), hatte diverse Wettfahrten der Busse untereinander durchgestanden, den Rio Pastaza sicher zu Fuß auf einer Hängebrücke überquert (drüben wartete ein anderer Bus zur Weiterfahrt) oder die Zeit mit den vielen verschiedenen Menschen, die sich während der Fahrt auf meinem Nachbarsitz abwechselten, in langen Gesprächen verbracht. Nach 13 1/2 Stunden Fahrt (für knappe 200 km!) hatte ich km 48 auf der Straße von Puyo nach Macas erreicht und befand mich nun mitten im Dschungel, am Rande des Amazonasbeckens, Tausende Kilometer von Radolfzell.

Etwa acht Monate zuvor, im Februar 2001 bei einer Pfadfinderveranstaltung, in der Stefan das Schutzwaldprojekt präsentierte, hatte ich zum ersten Mal versucht mir vorzustellen, vielleicht, irgendwann, in einigen Jahren (wenn mein Spanisch wenigstens für die elementarsten touristischen Bedürfnisse ausreichen würde), nach Ecuador zu reisen und einige Wochen bei den Shuar-Indianern zu verbringen, um diese exotisch-geheimnisvolle Welt kennen zu lernen.

Nun war ich also in Arutam. Allmählich erwachte ich aus meinen Erinnerungen und kehrte in die Realität zurück. Notwendigerweise, denn zwei kläffende Hunde umkreisten mich, allerdings in einem Abstand, der einen gehörigen Respekt auf beiden Seiten erkennen ließ. Schließlich wurde ich von einer Gruppe von Kindern erlöst, die mich freudig umringten, alle miteinander auf mich einredeten, mein Gepäck unter sich aufteilten und mich auf den Hof brachten, vorbei am Küchenhaus, vor dem pickende Hühner mir immerhin ein Gefühl der Vertrautheit vermittelten. Außerdem war da noch eine überdachte Sitzgruppe und gleich daneben ein Teich, vor allem aber das zweistöckige Wohnhaus, in das die Kinder mich nun geleiteten. Man bot mir einen Platz zum Sitzen und versprach ein baldiges Abendessen. Dann wartete ich erst einmal ... Die nächsten zwanzig Minuten saß ich allein am Tisch; sie kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Nichts rührte sich, nur ab und an huschte eines der Kinder - leicht grinsend oder verschmitzt lächelnd - an mir vorbei. Im Vergleich zu dem gefühlvollen, emotionsgeladenen Abschied ("typisch" südamerikanisch!) heute früh in Cuenca hoch oben in den Anden, war das erste Aufeinandertreffen hier von höflicher Zurückhaltung gekennzeichnet. Doch als dann das Essen hereingetragen wurde (Kochbananenpüree mit Nudeln und Reis), der Großteil der Familie sich im Raum versammelte, und Jose - vom abendlichen Fußballspiel mit einigen seiner Brüder heimgekehrt - in ein paar Sätzen das Eis gebrochen hatte, war die Spannung schnell gänzlich gelöst.

Die folgende Zeit, die ich in Arutam verbringen sollte, war geprägt von einer Mischung aus dieser herzlichen Höflichkeit und aus Enthusiasmus, wenn es darum ging, mir etwas zu zeigen oder zu erklären.

   

Mit Jose, der mir von seiner Familie als Begleiter und Führer durch den Regenwald zur Seite gestellt war, streunte ich die nächsten Tage meist durch den Urwald: Zwischen mächtigen Bananenstauden, bei herrlichen Aussichtsplätzen (wo das Auge bis zum Horizont über einen großen grünen Teppich streift, bevor es am über fünftausend Meter hohen, schneebedeckten Vulkan Sangay hängen bleibt, der sich erhaben über dem grünen Dickicht aufbaut), auf Lianen, die mich im Tarzanfeeling durch die Lüfte tragen, unter Wasserfällen, wo sich die Sonnenstrahlen zum Regenbogen brechen und die verschiedenartigsten Schmetterlinge mich umtanzen.

Ich erhielt eine Einweisung in die verschiedenste Medizinpflanzen und ihren Gebrauch (wobei meine Lehrmeister teilweise gerade erst oder noch nicht einmal das Grundschulalter überschritten hatten), den Chakra-Anbau (Warum wird in Arutam keine Brandrodung betrieben? Wie bekommt man die Bananen von den meterhohen Palmen? usw.), bei dem auf einem Feld unterschiedliche Nutzpflanzen gezogen werden, oder im Fangen von Schlangen (ich verzichtete allerdings auf eine eigene Anwendung und beließ es beim zarten Streicheln).

Nun war ich freilich nach Arutam in der Absicht gekommen, mich auch selbst ein wenig nützlich zu machen. Ich hatte mit Stefan abgesprochen, bei der Schmuckherstellung und im Feldbau mitzuhelfen. Etwas naiv und wohl auch durch die westlich-kapitalistische Denkweise verdorben, hatte ich einen geordneten Arbeitstag mit so und so vielen Stunden vor Augen gehabt. Dem war natürlich nicht so. Sicher hatte ich Gelegenheit, Ketten oder Armbänder zu fertigen und mich in der Chakra mit der Machete auszutoben, aber dies geschah nie nach starrem Plan, sondern immer dann, wenn die jeweiligen Arbeiten gerade anfielen und der Großteil der Familie damit beschäftigt war. Auf diese Weise beschränkten sich meine Aufgaben nicht nur auf das zuvor mit Stefan Vereinbarte: Beispielsweise wurden in dieser Zeit in Arutam einige Häuser errichtet (eine Bibliothek für die Schule, Hütten für Touristen), so daß ich einen Eindruck erhielt, wie die typischen Rundhütten der Shuar gebaut werden.  

Also ging ich mit in den Wald, um geeignetes Holz zu finden oder sammelte mit dem Familienvater Ernesto im Wald Blätter für das Dach und durfte ein wenig an demselben mitflechten.

Auch ansonsten konnte ich überall meine Nase hineinstecken. Wenn ich Wünsche äußerte, war man sehr aufgeschlossen und ermöglichte mir verschiedene kleinere "Projekte", auf die ich erst in Arutam gekommen war. So besuchten u.a. Ernesto und seine Tochter Anna mit mir den Schamanen, Jose stellte mir den Missionar und den Shuar-Pfarrer der nächsten Gemeinde vor und zeigte mir seine Schule, das staatliche Colegio "Tzantza" in Pitirishka (Tzantza bedeutet auf Shuar "Schrumpfkopf" - ein zentraler Begriff in der Shuar-Tradition. Schrumpfköpfe wurden ähnlich wie Skalps in Nordamerika angefertigt, um sich die Seelenkräfte des Getöteten zunutze zu machen).

Die Zeit war vollkommen ausgefüllt, obwohl ich andererseits nie zuvor das Gefühl gehabt hatte, soviel Zeit zu haben. Die Kinder löcherten mich mit Fragen über den alten Kontinent auf der anderen Seite des Ozeans, während ich wiederum von ihnen eine Einführung in die Shuar-Kultur erhielt. Ich wurde in die Fußballmannschaft aufgenommen und kickte bei den Mädchen gegen die "Herren" mit oder alberte einfach nur mit den anderen herum.

Besonders gerne erinnere ich mich an die langen Gesprächen in der Nacht, zumal an die, welche mittwochs stattfanden (üblicherweise fiel immer an diesem Tag der Strom aus, so daß alle um das Feuer in der Küche versammelt waren). Ich konnte den alten Erzählungen und Mythen der Shuar zuhören, erste klägliche Versuche unternehmen, das Geheimnis der Shuarsprache zu lüften, über die verschiedene Projekte in der Vergangenheit und in der Zukunft sowie über deren Erfolg oder Probleme diskutieren oder ganz allgemein über all das, was die Welt bewegt und im Innersten zusammenhält. Es gab kaum eine Frage, die offen blieb und die mir von den verschiedenen Familienmitgliedern nicht bereitwillig und mit großem Eifer beantwortet wurde.

   

Ich habe zuvor noch nie soviel Verschiedenartiges in so kurzer Zeit wie in den drei Wochen bei der Familie Vargas erleben und lernen dürfen. Es war mir möglich, einen kleinen Einblick in den vollkommen normalen Alltag und das wirkliche Leben vom Morgen bis zum Abend zu bekommen, das eine indianische Familie im Regenwald Ecuadors führt. Die üblichen Touristenfahrten, bei denen die Teilnehmer in irgendwelchen Loggias hausen, für einige Stunden im Regenwald verschwinden und anschließend in ein Indianerdorf zum Souvenir-Shoppen einfallen, können dies auf keine Weise verwirklichen. Trotz der großen Faszination, die alles Fremde und Exotische ausübt, konnte ich aber auch lernen, daß den Menschen, gleichgültig ob im westlichen Europa oder im Urwald Ecuadors, letztlich mehr gemein ist als man zunächst vielleicht sich vorzustellen vermag.

Ich danke meinen Gastgebern, Ernesto Vargas und seinen beiden Ehefrauen Ana und Ernestina für die herzliche Aufnahme und ihre große Bereitschaft, alle meinen Fragen zu beantworten und meinen Wünschen nachzukommen. Ich danke Jose für all die netten Stunden, die Führungen durch den Urwald, die interessanten und informativen, aber auch scherzhaft-witzigen Gespräche, Jaime, Domingo und dem Schwiegersohn Jose und seiner Frau Linda für die abendlichen Diskussionen, den Kindern Ana, Enrique, Carmelina, Carina, Sebastian, Alex und Ipiak für den Unterricht in der Tier- und Pflanzenwelt, die gemeinsame Schmuckherstellung und den sonstigen Spaß sowie all den anderen, die ich während dieser Wochen in Arutam treffen durfte.

Schließlich danke ich natürlich Stefan und Ulla, die alles organisiert, mich geduldig immer und immer wieder bis in allerletzte Detail informiert und die ganze Reise erst ermöglicht haben.

Anna Meiser

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©cb.07.2003