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Kochbananen, Schmetterlinge und Schrumpfköpfe
Zu Gast im Urwald von Arutam (Ecuador)
von Anna Meiser
Es dämmerte schon, als der Bus endlich auf
der staubigen Schotterpiste hielt, die sich durch das undurchdringlich
scheinende Grün rechts und links einen Weg bahnte. Um fünf
Uhr morgens war ich in den Anden aufgebrochen, auf herrlichen
Schlammpisten 1700 m in die Tiefe, in den "Oriente"
(den ecuadorianischen Teil des Amazonasbeckens) durch eine atemberaubende
Landschaft hinuntergerollt (wobei auf den steilen Abhängen
zur linken Hand einige Buswracks nicht zu übersehen waren),
hatte diverse Wettfahrten der Busse untereinander durchgestanden,
den Rio Pastaza sicher zu Fuß auf einer Hängebrücke
überquert (drüben wartete ein anderer Bus zur Weiterfahrt)
oder die Zeit mit den vielen verschiedenen Menschen, die sich
während der Fahrt auf meinem Nachbarsitz abwechselten, in
langen Gesprächen verbracht. Nach 13 1/2 Stunden Fahrt (für
knappe 200 km!) hatte ich km 48 auf der Straße von Puyo
nach Macas erreicht und befand mich nun mitten im Dschungel, am
Rande des Amazonasbeckens, Tausende Kilometer von Radolfzell.
Etwa acht Monate zuvor, im Februar 2001 bei einer
Pfadfinderveranstaltung, in der Stefan das Schutzwaldprojekt präsentierte,
hatte ich zum ersten Mal versucht mir vorzustellen, vielleicht,
irgendwann, in einigen Jahren (wenn mein Spanisch wenigstens für
die elementarsten touristischen Bedürfnisse ausreichen würde),
nach Ecuador zu reisen und einige Wochen bei den Shuar-Indianern
zu verbringen, um diese exotisch-geheimnisvolle Welt kennen zu
lernen.
Nun war ich also in Arutam. Allmählich erwachte
ich aus meinen Erinnerungen und kehrte in die Realität zurück.
Notwendigerweise, denn zwei kläffende Hunde umkreisten mich,
allerdings in einem Abstand, der einen gehörigen Respekt
auf beiden Seiten erkennen ließ. Schließlich wurde
ich von einer Gruppe von Kindern erlöst, die mich freudig
umringten, alle miteinander auf mich einredeten, mein Gepäck
unter sich aufteilten und mich auf den Hof brachten, vorbei am
Küchenhaus, vor dem pickende Hühner mir immerhin ein
Gefühl der Vertrautheit vermittelten. Außerdem war
da noch eine überdachte Sitzgruppe und gleich daneben ein
Teich, vor allem aber das zweistöckige Wohnhaus, in das die
Kinder mich nun geleiteten. Man bot mir einen Platz zum Sitzen
und versprach ein baldiges Abendessen. Dann wartete ich erst einmal
... Die nächsten zwanzig Minuten saß ich allein am
Tisch; sie kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Nichts rührte
sich, nur ab und an huschte eines der Kinder - leicht grinsend
oder verschmitzt lächelnd - an mir vorbei. Im Vergleich zu
dem gefühlvollen, emotionsgeladenen Abschied ("typisch"
südamerikanisch!) heute früh in Cuenca hoch oben in
den Anden, war das erste Aufeinandertreffen hier von höflicher
Zurückhaltung gekennzeichnet. Doch als dann das Essen hereingetragen
wurde (Kochbananenpüree mit Nudeln und Reis), der Großteil
der Familie sich im Raum versammelte, und Jose - vom abendlichen
Fußballspiel mit einigen seiner Brüder heimgekehrt
- in ein paar Sätzen das Eis gebrochen hatte, war die Spannung
schnell gänzlich gelöst.
Die folgende Zeit, die ich in Arutam verbringen
sollte, war geprägt von einer Mischung aus dieser herzlichen
Höflichkeit und aus Enthusiasmus, wenn es darum ging, mir
etwas zu zeigen oder zu erklären.
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Mit Jose, der mir von seiner Familie als Begleiter und Führer
durch den Regenwald zur Seite gestellt war, streunte ich die nächsten
Tage meist durch den Urwald: Zwischen mächtigen Bananenstauden,
bei herrlichen Aussichtsplätzen (wo das Auge bis zum Horizont
über einen großen grünen Teppich streift, bevor
es am über fünftausend Meter hohen, schneebedeckten
Vulkan Sangay hängen bleibt, der sich erhaben über dem
grünen Dickicht aufbaut), auf Lianen, die mich im Tarzanfeeling
durch die Lüfte tragen, unter Wasserfällen, wo sich
die Sonnenstrahlen zum Regenbogen brechen und die verschiedenartigsten
Schmetterlinge mich umtanzen.
Ich erhielt eine Einweisung in die verschiedenste Medizinpflanzen
und ihren Gebrauch (wobei meine Lehrmeister teilweise gerade erst
oder noch nicht einmal das Grundschulalter überschritten
hatten), den Chakra-Anbau (Warum wird in Arutam keine Brandrodung
betrieben? Wie bekommt man die Bananen von den meterhohen Palmen?
usw.), bei dem auf einem Feld unterschiedliche Nutzpflanzen gezogen
werden, oder im Fangen von Schlangen (ich verzichtete allerdings
auf eine eigene Anwendung und beließ es beim zarten Streicheln).
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Nun war ich freilich nach
Arutam in der Absicht gekommen, mich auch selbst ein wenig nützlich
zu machen. Ich hatte mit Stefan abgesprochen, bei der Schmuckherstellung
und im Feldbau mitzuhelfen. Etwas naiv und wohl auch durch die westlich-kapitalistische
Denkweise verdorben, hatte ich einen geordneten Arbeitstag mit so
und so vielen Stunden vor Augen gehabt. Dem war natürlich nicht
so. Sicher hatte ich Gelegenheit, Ketten oder Armbänder zu
fertigen und mich in der Chakra mit der Machete auszutoben, aber
dies geschah nie nach starrem Plan, sondern immer dann, wenn die
jeweiligen Arbeiten gerade anfielen und der Großteil der Familie
damit beschäftigt war. Auf diese Weise beschränkten sich
meine Aufgaben nicht nur auf das zuvor mit Stefan Vereinbarte: Beispielsweise
wurden in dieser Zeit in Arutam einige Häuser errichtet (eine
Bibliothek für die Schule, Hütten für Touristen),
so daß ich einen Eindruck erhielt, wie die typischen Rundhütten
der Shuar gebaut werden. |
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Also ging ich mit in den Wald, um geeignetes Holz zu finden
oder sammelte mit dem Familienvater Ernesto im Wald Blätter
für das Dach und durfte ein wenig an demselben mitflechten.
Auch ansonsten konnte ich überall meine Nase hineinstecken.
Wenn ich Wünsche äußerte, war man sehr aufgeschlossen
und ermöglichte mir verschiedene kleinere "Projekte",
auf die ich erst in Arutam gekommen war. So besuchten u.a. Ernesto
und seine Tochter Anna mit mir den Schamanen, Jose stellte mir
den Missionar und den Shuar-Pfarrer der nächsten Gemeinde
vor und zeigte mir seine Schule, das staatliche Colegio "Tzantza"
in Pitirishka (Tzantza bedeutet auf Shuar "Schrumpfkopf"
- ein zentraler Begriff in der Shuar-Tradition. Schrumpfköpfe
wurden ähnlich wie Skalps in Nordamerika angefertigt, um
sich die Seelenkräfte des Getöteten zunutze zu machen).
Die Zeit war vollkommen ausgefüllt, obwohl ich andererseits
nie zuvor das Gefühl gehabt hatte, soviel Zeit zu haben.
Die Kinder löcherten mich mit Fragen über den alten
Kontinent auf der anderen Seite des Ozeans, während ich wiederum
von ihnen eine Einführung in die Shuar-Kultur erhielt. Ich
wurde in die Fußballmannschaft aufgenommen und kickte bei
den Mädchen gegen die "Herren" mit oder alberte
einfach nur mit den anderen herum.
Besonders gerne erinnere ich mich an die langen Gesprächen
in der Nacht, zumal an die, welche mittwochs stattfanden (üblicherweise
fiel immer an diesem Tag der Strom aus, so daß alle um das
Feuer in der Küche versammelt waren). Ich konnte den alten
Erzählungen und Mythen der Shuar zuhören, erste klägliche
Versuche unternehmen, das Geheimnis der Shuarsprache zu lüften,
über die verschiedene Projekte in der Vergangenheit und in
der Zukunft sowie über deren Erfolg oder Probleme diskutieren
oder ganz allgemein über all das, was die Welt bewegt und
im Innersten zusammenhält. Es gab kaum eine Frage, die offen
blieb und die mir von den verschiedenen Familienmitgliedern nicht
bereitwillig und mit großem Eifer beantwortet wurde.
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Ich habe zuvor noch nie soviel Verschiedenartiges in so kurzer
Zeit wie in den drei Wochen bei der Familie Vargas erleben und
lernen dürfen. Es war mir möglich, einen kleinen Einblick
in den vollkommen normalen Alltag und das wirkliche Leben vom
Morgen bis zum Abend zu bekommen, das eine indianische Familie
im Regenwald Ecuadors führt. Die üblichen Touristenfahrten,
bei denen die Teilnehmer in irgendwelchen Loggias hausen, für
einige Stunden im Regenwald verschwinden und anschließend
in ein Indianerdorf zum Souvenir-Shoppen einfallen, können
dies auf keine Weise verwirklichen. Trotz der großen Faszination,
die alles Fremde und Exotische ausübt, konnte ich aber auch
lernen, daß den Menschen, gleichgültig ob im westlichen
Europa oder im Urwald Ecuadors, letztlich mehr gemein ist als
man zunächst vielleicht sich vorzustellen vermag.
Ich danke meinen Gastgebern, Ernesto Vargas und seinen beiden
Ehefrauen Ana und Ernestina für die herzliche Aufnahme und
ihre große Bereitschaft, alle meinen Fragen zu beantworten
und meinen Wünschen nachzukommen. Ich danke Jose für
all die netten Stunden, die Führungen durch den Urwald, die
interessanten und informativen, aber auch scherzhaft-witzigen
Gespräche, Jaime, Domingo und dem Schwiegersohn Jose und
seiner Frau Linda für die abendlichen Diskussionen, den Kindern
Ana, Enrique, Carmelina, Carina, Sebastian, Alex und Ipiak für
den Unterricht in der Tier- und Pflanzenwelt, die gemeinsame Schmuckherstellung
und den sonstigen Spaß sowie all den anderen, die ich während
dieser Wochen in Arutam treffen durfte.
Schließlich danke ich natürlich Stefan und Ulla, die
alles organisiert, mich geduldig immer und immer wieder bis in
allerletzte Detail informiert und die ganze Reise erst ermöglicht
haben.
Anna Meiser
wieder nach oben
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