Arutam (Ecuador)
Anna Meiser
Philipp Kauppert
Christian Schaniel

Venecia (Ecuador)
Friederike Mieth

Erfahrungsbericht von Christian Schaniel

Es war Freitag der 24. Januar 2003, als ich das erste Mal den Regenwald des Amazonas erblickte...

Auf meinem Weg nach Arutam hatte ich zuvor von den Einheimischen des Hochlandes schon einiges über jene Bewohner des Waldes zu hören gekriegt. Um mein Spanisch zu verbessern sei ich dort am falschen Ort, denn die würden es ja selbst kaum beherrschen, meinten die einen, als unzivilisiert beschrieben sie andere. Von einem dortigen Englischlehrer wurden sie gar mit „the warriors of the jungle“ betitelt.

Voller Hoffnung und Erwartungen, mit immer mehr gemischteren Gefühlen, wie Unsicherheit und Angst, vor allem aber mit Neugierde, machte ich mich an jenem Freitag dann schließlich auf den Weg, diese „warriors“ kennen zu lernen. Auf dem Weg von Puyo nach Macas, in dessen Mitte Arutam liegt, durchdringt eine Schotterstraße den Regenwald. Ich erstaunte ab dem Anblick jener Natur (was der Unterschied von der Wirklichkeit zu Foto, Film und Fernsehen nicht alles ausmacht). Bis zum 48igsten Kilometer, was mein Ziel sein sollte, passiert der Bus mehrere Siedlungen. Teils idyllische Orte mit stolzen, gemauerten Anlagen oder gepflegten Holzhäusern, teils aber auch verwahrloste und dreckige. Dasselbe gilt für die Verfassung der Vegetation und des Waldes. Und kaum einer kann sich die Erleichterung vorstellen, mit welcher ich (in Arutam angekommen) mein Gepäck ergriff, und mich damit durch den kleinen Pflanzenspalier kämpfte, wo mich auch schon José, einer der älteren Söhne der Familie Vargas, willkommen hieß. Mit einer mir damals noch unbekannten und unerklärlichen Ruhe wurde ich von José begrüßt. Wir warteten auf Ernesto, den Familienvater der Sippe. Er empfing mich mit der selben liebevollen Gelassenheit, zeigte mir ein wenig die nähere Umgebung, und erklärte mir das Wichtigste. Die darauf folgenden Tage verbrachte ich damit, jene neue Welt, die Menschen und Sitten kennen zu lernen, und mich ein wenig einzuleben.

Meine Hauptaufgabe bestand darin, den Schülern der dortigen Grundschule Englisch beizubringen. Die Kinder aus Arutam selbst, aber auch aus einigen Siedlungen in der Nachbarschaft, gehen dort zur Schule. Sie sind in etwa zwischen 5 und 18 Jahre alt, wobei ich nur die älteren davon (das heißt ab 9 Jahre) unterrichtete.

Ich habe zuvor noch nie in einer Schule Unterricht erteilt, schon gar nicht in einer Sprache, welcher ich selbst noch nicht ganz mächtig war. Trotzdem hatte ich schon von Anfang an ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Schülern. Sie hörten mir aufmerksam zu (wahrscheinlich auch, weil sie einmal ein neues Gesicht vor der Wandtafel erblicken durften) und machten von Mal zu Mal mehr Fortschritte, wobei zu bedenken ist, dass sie ja schon zweisprachig aufwachsen, lesen und schreiben lernen, und Englisch für sie eine dritte, wiederum völlig neue und andere Sprache ist wie Spanisch oder Shuar. Schule fand jeweils morgens statt. Nach dem gemeinsamen Mittagessen bereitete ich mich zuerst für den nächsten Tag vor, danach variierten meine Tätigkeiten. Von Zeit zu Zeit fielen Arbeiten an, bei welchen ich mich beteiligte, wie zum Beispiel dem Bau einer neuen Schule in Form eines „casa tipica“ (traditionelles Shuargebäude), oder der Anlegung von Wasserfeldern für eine Fischzucht. Wenn einer der älteren Zeit hatte, konnte ich den Wald besichtigen und mir wurden Hunderte Arten von Pflanzen und Tieren gezeigt, welche ich noch nie gesehen, auch noch nie davon gehört oder gelesen habe. Ansonsten hatte ich auch Zeit zum Lesen, zum Nachdenken und um Gitarre zu spielen.

Eines Mittwochs organisierte eine Mittelschule, ein paar Kilometer mehr südlich, ein Fußballturnier, welchem ich beiwohnen konnte, und wo ich auch noch Ernestos Mutter besuchen durfte. Nebst einer Nacht mitten im Dschungel, welche ich sicher nie vergessen werde, bildete der Besuch eines Inspektors des Amtes für Zweisprachigkeit und für den Schutz der Sprache der Shuar, sicherlich den Höhepunkt meines Aufenthaltes. Der Inspektor war, so sagte er, erstaunt darüber, wie viel die Kinder dazugelernt hätten, wie konstruktiv sie mitarbeiten und wie gut sie aufpassen würden und dankte mir für die gute Zusammenarbeit. Ich glaube aber, dass sein Erstaunen darüber nur halb so groß war wie das Meinige.

Da ich meine, es wäre zuviel, hier alle Erlebnisse und Details niederzuschreiben, bleibt mir nur noch, denjenigen, die mich während dieser erlebnisreichen Zeit unterstützt haben, mir eine zweite Heimat gegeben und mich vor allem wie ein Sohn und Bruder bei sich aufgenommen haben, zu danken.

yuminsamje Arutam

Christian Schaniel

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