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Erfahrungsbericht von Christian Schaniel
Es war Freitag der 24. Januar 2003, als ich das erste
Mal den Regenwald des Amazonas erblickte...
Auf meinem Weg nach Arutam hatte ich zuvor von den
Einheimischen des Hochlandes schon einiges über jene Bewohner des
Waldes zu hören gekriegt. Um mein Spanisch zu verbessern sei ich
dort am falschen Ort, denn die würden es ja selbst kaum beherrschen,
meinten die einen, als unzivilisiert beschrieben sie andere. Von einem
dortigen Englischlehrer wurden sie gar mit „the warriors of the
jungle“ betitelt.
Voller Hoffnung und Erwartungen, mit immer mehr gemischteren
Gefühlen, wie Unsicherheit und Angst, vor allem aber mit Neugierde,
machte ich mich an jenem Freitag dann schließlich auf den Weg,
diese „warriors“ kennen zu lernen. Auf dem Weg von Puyo
nach Macas, in dessen Mitte Arutam liegt, durchdringt eine Schotterstraße
den Regenwald. Ich erstaunte ab dem Anblick jener Natur (was der Unterschied
von der Wirklichkeit zu Foto, Film und Fernsehen nicht alles ausmacht).
Bis zum 48igsten Kilometer, was mein Ziel sein sollte, passiert der
Bus mehrere Siedlungen. Teils idyllische Orte mit stolzen, gemauerten
Anlagen oder gepflegten Holzhäusern, teils aber auch verwahrloste
und dreckige. Dasselbe gilt für die Verfassung der Vegetation und
des Waldes. Und kaum einer kann sich die Erleichterung vorstellen, mit
welcher ich (in Arutam angekommen) mein Gepäck ergriff, und mich
damit durch den kleinen Pflanzenspalier kämpfte, wo mich auch schon
José, einer der älteren Söhne der Familie Vargas, willkommen
hieß. Mit einer mir damals noch unbekannten und unerklärlichen
Ruhe wurde ich von José begrüßt. Wir warteten auf
Ernesto, den Familienvater der Sippe. Er empfing mich mit der selben
liebevollen Gelassenheit, zeigte mir ein wenig die nähere Umgebung,
und erklärte mir das Wichtigste. Die darauf folgenden Tage verbrachte
ich damit, jene neue Welt, die Menschen und Sitten kennen zu lernen,
und mich ein wenig einzuleben.
Meine Hauptaufgabe bestand darin, den Schülern
der dortigen Grundschule Englisch beizubringen. Die Kinder aus Arutam
selbst, aber auch aus einigen Siedlungen in der Nachbarschaft, gehen
dort zur Schule. Sie sind in etwa zwischen 5 und 18 Jahre alt, wobei
ich nur die älteren davon (das heißt ab 9 Jahre) unterrichtete.
Ich habe zuvor noch nie in einer Schule Unterricht
erteilt, schon gar nicht in einer Sprache, welcher ich selbst noch nicht
ganz mächtig war. Trotzdem hatte ich schon von Anfang an ein sehr
gutes Verhältnis zu meinen Schülern. Sie hörten mir aufmerksam
zu (wahrscheinlich auch, weil sie einmal ein neues Gesicht vor der Wandtafel
erblicken durften) und machten von Mal zu Mal mehr Fortschritte, wobei
zu bedenken ist, dass sie ja schon zweisprachig aufwachsen, lesen und
schreiben lernen, und Englisch für sie eine dritte, wiederum völlig
neue und andere Sprache ist wie Spanisch oder Shuar. Schule fand jeweils
morgens statt. Nach dem gemeinsamen Mittagessen bereitete ich mich zuerst
für den nächsten Tag vor, danach variierten meine Tätigkeiten.
Von Zeit zu Zeit fielen Arbeiten an, bei welchen ich mich beteiligte,
wie zum Beispiel dem Bau einer neuen Schule in Form eines „casa
tipica“ (traditionelles Shuargebäude), oder der Anlegung
von Wasserfeldern für eine Fischzucht. Wenn einer der älteren
Zeit hatte, konnte ich den Wald besichtigen und mir wurden Hunderte
Arten von Pflanzen und Tieren gezeigt, welche ich noch nie gesehen,
auch noch nie davon gehört oder gelesen habe. Ansonsten hatte ich
auch Zeit zum Lesen, zum Nachdenken und um Gitarre zu spielen.
Eines Mittwochs organisierte eine Mittelschule, ein
paar Kilometer mehr südlich, ein Fußballturnier, welchem
ich beiwohnen konnte, und wo ich auch noch Ernestos Mutter besuchen
durfte. Nebst einer Nacht mitten im Dschungel, welche ich sicher nie
vergessen werde, bildete der Besuch eines Inspektors des Amtes für
Zweisprachigkeit und für den Schutz der Sprache der Shuar, sicherlich
den Höhepunkt meines Aufenthaltes. Der Inspektor war, so sagte
er, erstaunt darüber, wie viel die Kinder dazugelernt hätten,
wie konstruktiv sie mitarbeiten und wie gut sie aufpassen würden
und dankte mir für die gute Zusammenarbeit. Ich glaube aber, dass
sein Erstaunen darüber nur halb so groß war wie das Meinige.
Da ich meine, es wäre zuviel, hier alle Erlebnisse
und Details niederzuschreiben, bleibt mir nur noch, denjenigen, die
mich während dieser erlebnisreichen Zeit unterstützt haben,
mir eine zweite Heimat gegeben und mich vor allem wie ein Sohn und Bruder
bei sich aufgenommen haben, zu danken.
yuminsamje Arutam
Christian Schaniel
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