Erfahrungsbericht von Gina Welsing

Cerrito de los Morreños 2011/2012 LK-Stelle

Silvester in Ecuador: Quemando los viejos

An Silvester erwachte ich bereits im Morgengrauen von dem Gequietsche eines Schweines und dem Geräusch des Messer-Schleifens. Und sofort erinnerte ich mich: Heute sollte zur Feier des Tages ein Schwein geschlachtet werden. Im ersten Moment war ich noch nicht so sicher, ob ich mir das Spektakel als Vegetarierin anschauen wollte, aber trotzdem machte ich mich rasch auf den Weg nach unten. Dort schrie das Schwein dann auch schon wie wild! Vier Männer hatten damit zu tun ihm die Füße richtig zusammen zu binden. Gleichzeitig wurde schon ein Feuer entfacht auf dem Wasser zum Kochen gebracht wurde. Mit diesem Wasser sollte später das tote Schwein übergossen werden, um ihm die Borsten entfernen zu können. Schließlich fing das Wasser dann an zu kochen, das Messer schien auch ausreichend geschärft und ein Man, der das Schwein töten wollte, hatte sich auch gefunden. Ja und dann kam das wovon ich nicht wusste, ob ich es nun sehen wollte oder nicht. Das Schwein wurde richtig positioniert und eine Schüssel zum Blut-Auffangen wurde gereicht. Der neu ernannte „Schlachter“ stach dem Schwein das Messer mit voller Kraft in die Brust. Leider war das Messer scheinbar doch gar nicht so scharf und wollte irgendwie nicht so richtig in das Schwein eindringen, also noch einmal versuchen und schließlich ließ das Schwein den Kopf hängen – tot! Aber das Blut wollte nicht fließen, sodass das Schwein an den Hinterbeinen aufgehängt wurde und sich ein kleines bisschen Blut in die Schüssel floss. Als dann begonnen wurde das tote Schwein mit dem kochenden Wasser zu übergießen, reichte es mir dann erst mal. Der Geruch von verbranntem Horn trieb mich wieder nach oben. Erst später als das Schwein bereits in seine Teile zerlegt wurde, machte ich mich nochmal auf den Weg in den Keller und da lagen schon einige Teile, der Kopf, die Beine....nicht so schön, aber auch wieder nicht so schlimm wie ich gedachte hätte. Den ganzen Tag über wurde dann Schwein gegessen, Wurst wurde gemacht und der Braten fürs Silvesteressen vorbereitet und ich traute mich kaum noch in die Küche, weil scheinbar alles voller Schwein war. So verzog ich mich dann lieber mit Linda (ebenfalls Vegetarierin & ehemalige Schutzwald-Freiwillige) in ihr Zimmer. Dort ließen wir uns die Nägel mit Blümchen-Design von unserem Gastbruder Ivan passend zur Kleid-Farbe lackieren – sehr schön! Nachdem unsere Gastfamilie den ganzen Tag mit dem Schwein beschäftigt gewesen war, zogen wir dann etwa um 22Uhr zogen wir dann mit der ganzen Familie los, um die viejos, Strohpuppen, der anderen Familien zu begutachten. Diese werden in Ecuador um 24Uhr verbrannt, um das alte Jahr zu verabschieden. Etwa um 24 Uhr versammelten sich dann wieder alle vor dem Haus und die viejos wurden unter Einsatz von viel Benzin verbrannt. Und alle wünschten sich ein „Feliz año nuevo“. Im Anschluss daran gab es dann ein gemeinsames Essen bei dem der Schweinebraten serviert wurde. Dazu gab es mote, eine Art Mais, und Salat. Nach dem Essen ging´s dann raus, um in einer der vier Bars zu tanzen. Der Lieblingstanz der Cerriteños ist Cumbia und so wurde auch an Silvester außer Cumbia, nur ein weniger Merengue getanzt. Die ersten Monate über fand ich Cumbia fürchterlich langweilig. Man wackelt immer nur ein bisschen mit den Hüften hin und her und stampft dabei mit den Füßen mehr oder weniger auf der Stelle. Irgendwie hatte ich mir diese „Latino-Tänze“ dynamischer vorgestellt. Aber trotzdem hatte ich mich nach einigen Monaten daran gewöhnt und hatte sogar so viel Spaß daran, dass ich die ganze Silvesternacht durchtanzte. Was mir an Silvester besonders auffiel, war die Tatsache, dass fast alle Frauen in den Bars unterwegs waren und ausnahmsweise auch mal ein Bier tranken. Auch die jungen Mädchen tanzten ausgelassen, das fand ich besonders schön! Um sechs Uhr taten mir die Füße, dann so weh, dass ich nicht mehr weiter tanzen konnte. Ich wartete noch eine Weile auf meinen Gastbruder Ivan und schließlich machten wir uns dann völlig verausgabt auf den Weg nach Hause und vielen völlig erschöpft ins Bett.