Erfahrungsbericht von Hieronymus Pauli

Im Rahmen seines Studiums (Forstwirtschaft in Rottenburg am Neckar) absolviert er sein Praxissemester im Golf von Guayaquil. Er soll das Wachstum von Mangrovenverjüngungen untersuchen, die Routen der Fischer mit GPS aufnehmen und diese kartographisch darstellen. Er ist von September 2012 bis Februar 2013 in Ecuador.

 

Nach etwas weniger als drei Monaten, ist nun fast die Hälfte meines Aufenthaltes hier in Guayaquil verstrichen. Die Erfahrungen, die ich in dieser Zeit gemacht habe, sind sehr unterschiedlich. Es gab schöne und unschöne Momente und in vielen Situationen bestand die Erfahrung nicht in der Lösung eines Problems, sondern darin, wie man damit umgeht. Doch fangen wir vorne an. Warum wollte ich überhaupt hier nach Ecuador und mit welchen Erwartungen bin ich gekommen? Das Thema Entwicklungszusammenarbeit hatte mich vorher immer schon ein wenig beschäftigt und ich hatte mich oft gefragt, ob es eine berufliche Perspektive für mich wäre. Zum einen wollte ich das für mich herausfinden und meine persönliche Stellung zu diesem Thema finden. Zum anderen wollte ich in die Tropen und ich wollte eine kleine Herausforderung, an der ich persönlich wachsen würde. Meine Erwartungen habe ich von Anfang an versucht möglichst gering zu halten und wenn überhaupt sie für mich nur als Fragen zu formulieren: Wie würde ich mit der Sprache klarkommen? Wie mit den Lebensverhältnissen? Mit den Leuten? Inwieweit würde ich meine Aufgaben erfüllen können und wie viel würde ich fachlich aus meinem Praxissemester mitnehmen können? Welche Entwicklung würde ich persönlich durchmachen und wie würden sich meine Sichtweisen im Laufe der Zeit verändern? Für mich war es die erste grosse Reise ausserhalb von Europa. Mein Spanisch war so rudimentär wie es nach 10 Volkshochschulstunden nunmal ist. Ich konnte meinen Namen sagen, im Restaurant etwas zu essen bestellen und nach dem Weg fragen. Die zwei Wochen Sprachkurs in Baños haben mich soweit gebracht, dass ich mir zutraue mich in allen Alltagssituationen zu verständigen – wenn auch teilweise mit Händen und Füssen. Aber das meiste lernt man in der Zeit danach, in der man sich täglich mit den Dorfbewohnern verständigen muss. In meinen ersten Wochen war ich auf Puerto Libertad – ganz im Norden der Concession. Menschlich habe ich mich dort sofort wohlgefühlt. Ich war bei Orlando und seiner Familie untergebracht. Orlando und seine Familie sind sehr nett und sehr bemüht und stets ansprechbar. Die Kinder im Dorf waren sofort sehr aufgeschlossen und auch die Erwachsenen haben schnell Vertrauen gefasst. Allerdings hatte ich zu Beginn meine Schwierigkeiten mich mit meinem Aufgabenbereich zu identifizieren. Aus meiner europäischen Sichtweise schienen mir die Lebensverhältnisse noch viel ärmlicher und mir wäre zu dieser Zeit wohler gewesen, nicht im ökologischen sondern im sozialen Bereich zu arbeiten, zumal ich der Meinung bin, dass Entwicklungszusammenarbeit im Umweltbereich erst dort stattfinden kann, wo die Grundbedürfnisse gedeckt sind. Es gab Dinge, die ich vielleicht auf den ersten Blick gerne geändert hätte. Natürlich sind die Leute in den Dörfern arm und natürlich gibt es noch Handlungsbedarf, aber es gibt keinen akuten Mangel an grundlegenden Dingen und auch ist es nicht so, dass die Menschen hier nicht von sich aus die Möglichkeit hätten, etwas zu verändern, es aber nicht tun, weil das akute Bedürfnis fehlt und sie aufgrunddessen nicht den Antrieb dazu haben. Das Verständnis wann etwas einer Verbesserung berarf und wann noch nicht, ist natürlich nicht mit unseren Ansichten vergleichbar. Sattdessen kaufen sie sich teure Handys oder teure Fernseher. Aber es kommt eben nicht darauf an, die Situation aus europäischer Sicht zu bewerten und aufgrunddessen aus dieser Bewertung heraus Veränderungen vollziehen zu wollen, sondern dabei zu helfen dasjenige umzusetzen, was von den Leuten als notwenig oder wünschenswert erachtet wird und die Selbständigkeit herzustellen, sich selbst ohne Anleitung helfen zu können oder ein Bewusstsein für andere Probleme zu schaffen, die bisher vielleicht noch nicht als solche erkannt worden sind. Derartige Bildungsprozesse sind sehr langwierig, aber Entwicklungszusammenarbeit kann langfristig nur nachhaltig sein, wenn sie sich selbst überflüssig macht. Und genau das ist die Idee von Schutzwald. Die Konsequenz für mich in diesem Falle war, dass ich mich aufgrund der Gesamtsituation durchaus im Umweltbereich wohlfühlen kann und dass ich Einblicke in ein Projekt von Entwicklungszusammenarbeit bekomme, das auch meiner eigenen Überzeugung entspricht und dass es aber auch sehr spannend zu beobachten ist, wie die Voluntäre damit umgehen werden, dass es nicht unbedingt kurzfristig sichtbare Erfolge geben muss und dass es sehr unterschiedliche Motivationen geben kann, Veränderungen anzugehen. Aber es gab bei weitem noch andere Probleme. Zum Beispiel hatte die Konntaktperson der Partnerorganisation Cerro Verde sehr ambitionierte Vorstellungen meiner Aufgaben hier im Concessionsgebiet, während auf der anderen Seite deutlich wurde, dass der gemütliche Lebensstil und die schlechte Infrastruktur Faktoren sind, die meinen Arbeitsfortschritt unausweichlich beeinflussen, zumal ich immer mit irgendjemandem zusammenarbeite und auf Mobilität und Informationsmedien angewiesen bin. Schnell ist mir aufgefallen, dass „ya mismo“ eine der wichtigsten Vokabeln ist. Im Wörterbuch wird als Bedeutung „gleich“ angegeben. Die kulturell angepasste Übersetzung würde eher „jetzt noch nicht“ oder „später“ lauten.
Ausserdem hatte ich vor allem im ersten Monat Probleme mich fachlich in meiner Arbeit einzufinden. Ich bin Student und bin hier um zu lernen und nicht, weil ich schon fachlich fertig ausgebildet bin.
Ohne Ansprechpartner und ohne Internetzugang – da ich die erste Zeit auf Puerto Libertad war – war das nicht ganz so einfach und hat meine Eingewöhnungszeit sicherlich verlängert. Aber auch diese Probleme haben ihre Lösung gefunden und im Nachhinein finde ich es gut, dass ich aus ihnen lernen konnte. Den Arbeitsumfang haben wir auf ein sinnvolles Mass reduziert, der sich auch durch die vorgegebenen Rahmenbedingungen umsetzen lässt. Fachlich und vor allem methodisch konnte ich mich soweit einarbeiten, dass ich mit meiner Arbeit zurechtkomme. Man darf nicht mit grossen Ambitionen ankommen, sondern muss sich ein klares und erreichbares Ziel setzen. Methodisch ist es vorab schwierig einzuschätzen, wenn man nicht weiss was auf einen zukommt. Mittlerweile bin ich was all das angeht sehr entspannt. Meine Arbeit mache ich so wie es in meiner Macht steht und wie es mir sinnvoll erscheint. Probleme müssen kommuniziert werden, dann findet sich eine Lösung und man lernt daraus. Probleme müssen nichts negatives sein. Und bei allen Problemen, die natürlich immer wieder auftreten, ist es vor allem eine schöne Zeit mit netten Voluntären, vielen anderen Leuten. Man lernt eine komplett andere Kultur und Natur kennen, und lernt viel über sich selbst. Man lernt etwas über Umweltproblematiken und Konflikte zwischen Naturschutz und Shrimpszucht. Man hat die Möglichkeit einiges vom Land zu sehen und die Sprache zu erlernen. Es ist eine tolle Zeit, die es vor allem zu geniessen gilt. Und ja, man gewöhnt sich sehr schnell an die Lebensbedingungen. Die Leute sind in den einzelnen Gemeinden sehr unterschiedlich. Auf Cerrito findet man vielleicht am schnellsten Kontakte, während die Leute auf Santa Rosa noch etwas schüchtern sind. Fachlich konnte ich mir bisher schon einiges mitnehmen, vielleicht weniger als wenn ich einen fachlichen Betreuer gehabt hätte, wie in einem betreuten Praktikum, aber das wiegen andere Erfahrungen locker auf. Und ja, Entwicklungszusammenarbeit ist eine berufliche Option für mich. Was Gesundheit und Sicherheit angeht, sollte man schon gewisse Grundregeln beachten, aber es ist nicht so, dass man ständig Angst haben muss, dass etwas passiert. Jede Entscheidung hat seine Licht und Schattenseiten. Kennen tut man sie erst hinterher. Ich bin froh, die Entscheidung getroffen zu haben, hier nach Ecuador zu kommen.